2-Wege-Regallautsprecher mit Newtronics TMT und Seas HT-Kalotte

Vor einiger Zeit bin ich im Lautsprechershop.de auf ein Sonderangebot gestoßen. Dort wurde ein 17er Newtronics Tiefmitteltöner für knapp 30,- Euro angeboten. Da im Shop zwar TSP jedoch keine Informationen zum Frequenzgang angegeben waren, wußte ich nicht genau, wozu der Newtronics BM 17-8 effektiv taugt, und war zunächst zögerlich, zuzuschlagen. Am Ende hat mich der gute Ruf der Newtronics Entwicklungen davon überzeugt, dass mit dem Chassis schon etwas Brauchbares anzustellen sei. Als die Chassis dann bei mir eintrafen, war ich zunächst von der bloßen Haptik der Chassis mehr als angetan:

Der Newtronics BM 17-8 ist blitzsauber verarbeitet und wäre auch zum Normalpreis ein Chassis, das ich jedem DIYler ans Herz legen würde. Neben dem soliden Gußkorb, Polkernbohrung und ausreichend 'Belüftungsmaßnahmen' bringt der Töner sogar einen dünnen Dichtring bereits mit. Er muss sich bei der Ausstattung auf keinen Fall hinter anderen 17er Chassis verstecken; dürfte für ein hochwertiges Chassis dieser Liga selbst zum Normalpreis als Geheimtipp gelten. (Erst unlängst habe ich gehört, dass der Töner von Tymphany gefertigt werde.)

Der Töner knackt bereits in einem 10-Liter Gehäuse die 50Hz-Marke. Ich wollte dem Chassis aber etwas mehr Tiefgang entlocken und habe ihm daher ein 14-Liter (netto) BR-Gehäuse auf den Leib geschneidert und auf 42Hz bei leicht fallender Tendenz abgestimmt, damit der Bass auch bei wandnaher Aufstellung nicht zu sehr aufdickt. Ähnliche Abstimmungen zwischen 12-15 Litern sind mit dem Töner problemlos realisierbar. Dabei verhält sich der Töner so gutmütig, dass durch Kürzung des BR-Rohres jederzeit eine lineare Abstimmung möglich ist.

Als Spielpartner für den Newtronics hatte ich mir die Seas 27 TFF Hochtonkalotte ausgeguckt, deren ausgeglichener Frequenzgang auf der Normschallwand vielversprechend aussah. Mit ebenfalls knapp 30,- Euro war eine bezahlbare wie hochwertige Bestückung garantiert. Jetzt lag es also an mir, diese Kombi zum Klingen zu bewegen.

Dazu wurde zunächst ein Testgehäuse gebaut. Die einfachste Art, den geschnittenen Korb des Newtronics einzufräsen, war, die Schallwand genauso breit zu wählen, wie das Chassis zwischen den geschnittenen Flächen ist, und in diese Schallwand einfach mit dem Fräszirkel den Durchmesser des 'vollen' Chassis zu fräsen. Diese Schallwand wird dann in der sog. Sandwich-Bauweise zwischen die Seitenwände der Box geleimt. Absolut wichtig, damit das hinhaut, ist die genau mittige Position der Bohrung für den Fräszirkel. Die Fräsung habe ich lediglich 2.5mm tief angelegt, da der Töner an den Rundungen etwas weniger tief ist als an den geschnittenen Kanten. Das funktioniert recht problemlos, wenngleich mir für das Testgehäuse die Fräsung etwas zu groß geraten war, weil ich Sorge hatte, dass Chassis könnte evtl. nicht passen. Diese Erfahrung hat mir dann beim Bau des 'richtigen' Gehäuses wertvolle Dienste geleistet.  Hier das Testgehäuse, in dem die ersten Messungen gemacht wurden:

Die Kalotte hatte ich direkt außermittig gesetzt, weil ich in noch vorhandenen Testgehäusen der Quintessenz getestet hatte, welcher Einbau sich möglichst günstig auf den Frequenzgang auswirkt. Hier die Messungen:

Bis auf die Tatsache, dass hier die Abstimmung des TMT noch nicht passt (leicht zu tief), sah das sehr ordentlich aus. Das ließ entsprechend für den Frequenzgang hoffen. Hier der gefügte FG aus Nahe- und Fernfeldmessung:

Das sieht doch sehr ordentlich aus. Bis fast 3kHz läuft der Newtronics mustergültig, bevor Resonanzen der Linearität und dem nutzbaren FG ein Ende setzen. Stand nur zu hoffen, dass der Hochtöner sich ähnlich gut präsentieren würde. Hier wegen der außermittigen Position die Messungen über lange und kurze Seite (jeweils 0-30°):

Auch das macht einen mehr als ordentlichen Eindruck. Die Frage war nun, ob man diese Kombi ohne zu große Aufweitung unter Winkel bei einer Trennfrequenz zwischen 2-3kHz zum Spielen würde bewegen können. Beide Chassis verhalten sich in der Beschaltung so gutmütig, dass die Entwicklung bei sehr simpel gehaltener Weiche nur zwei Nachmittage dauerte. Hier das Resultat:

Die Box spielt im gesamten nutzbaren Frequenzbereich sehr linear. Die für Zweiwege-Boxen nicht untypische Aufweitung unter Winkel hält sich absolut in Grenzen und deutet sich bei 4kHz nur kurz an. Diesbezüglich also auch Entwarnung. Die Kombination funktioniert prächtig! (Die Messung in die andere Richtung zeigt ein vergleichbares Bild.)

Die Simu, die wegen der sorgfältigen Messungen nahezu 100% mit der Realtät übereinstimmte, zeigt die Trennung bei ca. 2.6kHz und den schön symetrischen Verlauf der Filterflanken. Und ein weiterer Bonus dabei ist die absolut einfache Beschaltung:

Lediglich die 0.15mH Spule bedarf wohl einer Erklärung, da es diese so nicht zu kaufen geben dürfte. An dieser Stelle daher kurz die Erklärung, dass dieser hohe Widerstandswert der Spule durch Nachschalten eines Keramikwiderstands erreicht wird und sich ohmscher Widerstand von Spule und Widerstand entsprechend addieren. Bei einer handelsüblichen billigen Spule mit ca. 0.3 Ohm wird entsprechend einfach ein 3 Ohm Widerstand nachgeschaltet. (Ich habe dies in der Weiche mit der Impedanzlinearisierung unten im Text mal umgesetzt / 'übersetzt'.) Insgesamt wäre es auch kein Drama, wenn durch einen sehr häufig eingesetzten 3,3 Ohm Widerstand und eine wertigere Spule mit ca. 0.15 Ohm der Gesamtwiderstand etwas steigt. Dadurch würde lediglich im Bereich der Trennfrequenz der Pegel noch minimal mehr gesenkt, denn durch die Schaltung parallel zum Tieftöner wird nicht nur mit 12dB getrennt, sondern auch gleichzeitig der Bafflestep (s. unbeschaltete Messung des TMT) kompensiert. Ebenso sehe ich keine Probleme darin, die 2,2mH Spule als 1mm Luftspule mit 0,7 - 0,8 Ohm Innenwiderstand auszuführen. Diese ist erheblich billiger und den minimalen Verlust im Grundton kann man jederzeit durch eine etwas wandnähere Aufstellung kompensieren. (Ich habe selbst eine Pilzkernspule mit 0,25 Ohm im Einsatz gehabt, die bei bassarmer Aufstellung bei günstigem Preis das Mittel der Wahl sein kann,)

Die finale Messung bestätigt nicht nur das lineare Gesamtergebnis, sondern zeigt auch die Wirkung der Impedanzlinearisierung, die mittels Simu entwickelt wurde, um die Box auch an einer Röhrenendstufe betreiben zu können. Die Box klingt, wie der FG das erwarten lässt, absolut ausgewogen und 'warm'. Beim letzten Hörtreff des D.A.U. wurde die Box ausgiebig gehört und begutachtet. Das Gehörte veranlasste zwei der Teilnehmer zu folgenden Kommentaren:

 

"Gazzas neuester Streich durfte am Sonntag den Abschluss machen, und war ein würdiger Schlusspunkt dieser großartigen Tage. Ein Kompakt-LS wie aus dem Bilderbuch, der in jedem Hifi-Laden Angst und Schrecken unter den Fertigboxen verbreiten würde. Gute Chassis, hervorragende Abstimmung, was will man mehr!?"

 

"Ich war auch sehr angetan, von diesem Lautsprecher. Nach wenigen Takten war klar, dass er im besten Sinne vollkommen unspektakulär spielt. Alles ist vollkommen entspannt, und auch nach langem Hören macht jeder weitere Song noch Spaß. So muss ein Lautsprecher sein, langzeittauglich, fein auflösend, tonal nie aus dem Ruder laufend und räumlich glaubhaft. Die Skye kann das alles auf hervorragend hohem Niveau... "

(u.a. hier im HF nachzulesen)

 

Ein User im dhf hat die Box bereits in sehr gelungener Optik mit dunklem Furnier nachgebaut und äußert sich bzgl. des Resultats so:

Seit ein paar Tagen stehen die Beiden nun auf meinem Schreibtisch und verzaubern meine Lauscher (die Tafal ist auch sehr gut, aber müssen den Skye weichen)! Für mich ist die Skye der beste Regallautsprecher, den ich bis jetzt gehört hab (und ein Paar hab ich schon zum vergleichen TML W3 Alu, Alcone Mini Mk2 & Tafal) Ich kann die Skye als Preis-Leistungsgeheimtipp jedem nur empfehlen.

(hier nachzulesen im dhf / der Thread ist auch deswegen sehenswert, weil Tobias ein absolut hochwertiges  wie optisch gelungenes Finish abgeliefert hat!!!)

 

Auch wenn ich die Skye in erster Linie für mein Wohnzimmer entwickelt habe, freut es natürlich, wenn die eigenen Entwicklungen auch Anderen gefallen und ab und an nachgebaut werden. Die Skye ist wegen der wertigen Bestückung und des ausgeglichenen Frequenzgangs bei kleinem Preis dafür evtl. ein dankbares Projekt. Sie müsste bei Rechnung mit dem regulären Preis des Newtronics TMT je nach Ausführung und Holzart für um die 120,- Euro zu bauen sein.

Falls jemand beabsichtigt, mit dem Volumen zu spielen und eine leicht andere Bassabstimmung zu realisieren, sollte aber darauf geachtet werden, dass bei der Gestaltung der Schallwand diese Maße eingehalten werden: 36cm Höhe x 20,5cm Breite. Der TMT sitzt dabei auf 14cm von der unteren Gehäusekante mittig. Der HT sitzt auf 29cm von der unteren Gehäusekante 2cm außermittig. Achtung!!! Bitte bedenken, dass rechte und linke Box spiegelverkehrt aufgebaut werden! Beim Hören sollten die Hochtöner nach innen zeigen. So ergibt sich für meinen Geschmack die räumlich etwas bessere Abbildung.

Das BR-Rohr mit 4,4 - 4,5cm Innendurchmesser sitzt auf 10-11cm von der unteren Gehäusekante gesehen mitig auf der Rückwand. Für meine tiefe leicht fallende Abstimmung wäre eine Rohrlänge von 15cm nötig. Wer es weniger tief und kräftiger im Bass mag oder für die jeweilige Aufstellung kräftiger braucht, kürzt für die obige höhere Abstimmung (gelbe Kurve) das Rohr einfach um 2cm.

Die Bedämpfung ist relativ einfach gehalten. Seitenwände, Rückwand sowie Deckel und Boden werden mit Noppe ausgekleidet. Im oberen Bereich hinter dem HT wird großzügig Sonofil locker gefüllt (nicht stopfen). Ebenso wird hinter dem TMT etwas Sonofil eingebracht, ohne den Töner oder dessen 'Sicht' auf das Reflexrohr zu behindern.

Das Bild zeigt meinen Aufbau in Sandwichbauweise mit Birke-Multiplex. Die Gehäusekanten habe ich verrundet und im Bereich des HT bis zur oberen Kante des TMT eine kleinere Phase gefräst, die das Verhalten des HT etwas beruhigt. Für diesen Aufbau habe ich folgende Zuschnitte verwendet:

- zwei Seitenwände: 36,0cm x 30,8cm (in 20mm Stärke)

- eine Frontwand: 36,0cm x 16,4cm (in 20mm Stärke)

- eine Rückwand: 36,0cm x 16,4cm (in 15mm Stärke)

- einen Boden + einen Deckel: 27,2cm x 16,4cm (in 15mm Stärke)

Hier geht es zum Bauplan!

 

Wie gesagt, hier gibt es unter Einbehaltung derSchallwandmaße und Chassispositionen Variationsmöglichkeiten. Ebenso wäre es klanglich zu vernachlässigen, wenn die Box bei Verwendung von 19er MDF etwas schmaler würde. In diesem Thread im dhf zeigt Tobias, wie er es angegangen ist. Auch das gute alte BassCad kann ja zu einem gegebenen Volumen die entsprechenden Zuschnitte problemlos berechnen. Das Einzige, was ich aus leidvoller Erfahrung definitiv empfehlen würde, ist, nach der Oberflächenfräsung für das Außenmaß des TMT, die wegen des geschnittenen Korbes des TMT vor dem Verleimen erfolgen muss, die Durchfräsung für den TMT erst zu machen, wenn die Box verleimt ist, weil so wenig Material stehenbleibt, dass die Gefahr besteht (je nach Härte und Stärke des Materials), dass die Schallwand an den dünnen verbleibenden Stegen bricht. Im verleimten Zustand ist das natürlich völlig unkritisch. 

Mein Paar auf dem obigen Photo habe ich einfach sauber geschliffen (Vorsicht; nicht die Schichten des Multiplex durchschleifen) und mit True Oil zweifach geölt. Danach habe ich die Oberfläche mit einer Wachsmischung aus Cornuba- und Bienenwachs im Farbton Mahagoni abgeschlossen. Gibt einen leicht rötlichen Touch, riecht sehr angenehm und kann bei Bedarf schnell aufgefrischt werden.

Für den Betrieb an meiner Röhre habe ich noch den Impedanzverlauf der Gesamtbox mit folgender Schaltung linearisiert:

Ja, die Skye verlangt insbesondere wegen des geschnittenen Korbs des BM 17-8 etwas handwerkliches Geschick für das Gehäuse. Aber zum Preis von gerade mal um die 120,- Euro erhält man dafür eine Box, die fast Alles richtig macht und für die meisten Bedürfniss bestens gerüstet ist. Viel mehr Lautsprecher braucht man eigentlich nicht.

Stand Oktober 2015