6,5-Liter Bassreflex-Box mit 5-Zoll Sica Studio Woofer und Seiden-Kalotte

An dieser Stelle präsentiere ich die finale Version der Harris. Eine erste Entwicklungsphase hat gezeigt, welches Potential in der kleinen Kiste steckt. Sie hat aber auch gezeigt, wie man die Box noch entscheidend verbessern kann. Resultat ist die finale Version der Harris mit noch linearerem Frequenzgang bei leicht modifizierter Weiche. Ich konnte dabei letztlich sogar ein Bauteil einsparen.

Sica bietet im Portfolio verschiedene Produktlinien an. Die vermutlich kleinste Linie dabei ist die "Studio-Monitor-Linie". Verfügbar sind derzeit lediglich wenige Woofer und vier Hochtonkalotten. Mir war der 5-Zoll Sica 5H 1,5CP ins Auge gefallen, weil er mit mehr als solider Ausstattung aufwarten kann: 38mm Schwingspule, Polkernbohrung, hinterlüftete Zentrierspinne, Alu-Gußkorb und +/- 4mm linearer Hub. Dank absolut praxisgerechter TSP spielt er in nur 6.5 Litern bis in die 50Hz Region und dies Dank seiner Ausstattung bei entsprechender Pegelfestigkeit. Mit ca. 45-50 Euro ist der Preis dabei durchaus günstig.

Ich habe mit leicht fallender Abstimmung bei der Skye schon gute Erfahrungen gemacht. Insbesondere bei einer solch kleinen Box ist eine eher wandnahe Aufstellung oder Aufstellung auf Regal oder Tisch ja fast vorprogrammiert. Daher dürfte die Abstimmung so passen und je nach konkretem Aufstellungsort evtl. sogar noch leicht tiefer liegen. 52-54 Hz aus 6,5 Litern bei 4mm Hub in jede Richtung schreien fast nach einer Box mit hohem Spaßpotential.

Mit ebenso guter Ausstattung wie günstigem Preis kommt die Seidenkalotte Sica LP 98.25/245-TW8 daher. Diese Dürfte je nach Verkäufer für deutlich unter 30,- Euro zu haben sein. Die Chassis machen nicht nur auf dem Datenblatt eine gute Figur:

Während ich aufgrund der Bilder klar wusste, dass es sich beim Woofer um ein Chassis mit Gußkorb handelt, war ich innerlich darauf eingestellt, dass der Tweeter (trotz Infos im Datenblatt) bei dem Preis eher mit einem Kunststoff-Flansch gefertigt sei. Ich wurde allerdings positiv überrascht:

Die Kalotte hat eine massive Alu-Front und sieht auch ansonsten richtig toll aus. Ein echter Hingucker und zu dem Preis bei der Ausstattung erstmal ein Schnäppchen. Aber alle Optik nützt nichts, wenn die Töner keine klanglichen Meriten mitbringen.

Sagen wir es so; neben dem Einbau des abgerundeten Chassis in die Schallwand schien auch die Beschaltung des TMT eine durchaus sportliche Aufgabe zu sein. Die Kalotte präsentiert sich da doch deutlich besser:

Das ist für eine Kalotte zu dem Preis bemerkenswert linear. Damit lässt sich definiv ein guter Lautsprecher bauen. Ich sage es aber dazu; diese Kalotte reagiert sehr sensibel auf die Einbauposition. Bis ich eine Einbausituation gefunden hatte, in der sich die Kalotte so linear präsentiert, hatte ich einige Testschallwände zerfräst und zwei Testgehäuse durch den Kamin gejagt. Die Kalotte ist toll, aber von Experimenten mit der hier gezeigten Einbausituation rate ich eher ab. Gutes Teil; aber eine kleine Zicke!  Ich wusste zudem aus Winkelmessungen, dass die Kalotte zwischen 2-3kHz Sauereien macht und die Winkel-Frequenzgänge über den Achsenfrequenzgang gehen. Damit war klar, dass der komplett lineare Bereich ab 3kHz genutzt werden würde und eine Trennfrequenz >2.5kHz anzupeilen war.

(Anmerkung: Die Impedanzmessung der Kalotte zeigte ein etwas ungewöhnliches Verhalten, da sich zwei Impedanzhöcker zeigten. Das hat mich nicht abgeschreckt, weil der zweite exakt die im Datenblatt abgebildete Resonanzfrequenz angab und der erste kleinere ca. 500Hz tiefer die Beschaltung nicht substanziell beeinflußt hätte. Bei weiteren Messungen verschwand dieses Verhalten und ich erhielt Messungen, wie sie im Datenblatt zu sehen sind. Ich vermute als Ursache das Ferrofluid, das sich nach Lagerung, Versand, etc. noch nicht gleichmäßig im Luftspalt verteilt hatte.)

Blieb also zunächst die noch nicht gelöste Aufgabe der Beschaltung des Woofers, der zwar einen großen linearen Bereich zeigt, aber auch einige Baustellen. Wenn man die Beschaltung nach gängigem Strickmuster versucht, sieht das so aus:

Das ist ein Versuch mit 12dB. Man kann den Bereich zwischen 600Hz und 2500Hz mittels 18dB-Filter komplett linear ziehen. Was bleibt ist die Senke um 500Hz. Das sind nur 2-3dB und ich habe das zunächst für eine Eigenart des Töners bei Beschaltung gehalten. Da der restliche Bereich ja sehr linear war, hätte ich damit sogar leben können, zumal zwei oder drei Bauteile für die Beschaltung ja durchaus eher sparsam gewesen wären. Allerdings hatte mal wieder Alex mir die Augen geöffnet, indem er mir erklärt hat, wie ich diese Senke durch die Beschaltung selbst verbrochen hatte, denn bei korrekter Beschaltung, die sich dem Bafflestep und sonstigen Bereichen gesondert widmet, stellt sich folgendes Bild ein:

Hier ist sehr schön zu sehen, wie man die Senke vermeiden kann und die Flanke etwas sanfter fällt, was der angepeilten hohen Trennfrequenz in die Karten spielt. Der Impedanzabfall bei 600Hz ist gemessen 3,3Ohm, sodass dies insbesondere auch, weil es schmalbandiges Verhalten ist, völlig unkritisch sein dürfte. Damit ergab sich eine Simulation. die knapp 3kHz als Trennfrequenz anpeilt:

Ich hatte in einer Art 'vorauseilendem Gehorsam' zwischen 2 und 3kHz den FG etwas abgesenkt,  weil dort bisweilen bei Zweiwege-Konstrukten etwas viel Energie im Hörraum ist. Die kleine Senke bei 4kHz ist der hohen Trennung geschuldet und resultiert aus der Flanke des TMT. Bei tieferer Trennung kann diese Senke weiter minimiert werden, aber dann hätte das Winkelverhalten der Box wegen der Aufweitung der Kalotte deutlich gelitten. Weil die Senke nicht sehr tief und nur schmalbandig ist, fällt sie klanglich nicht nenneswert ins Gewicht. Ein ordentliches Verhalten unter Winkel ist bei Weitem wichtiger für eine angenehme Musikwiedergabe und räumliche Abbildung der Box. Gemessen sieht es so aus:

Das ist bereits auf Achse nochmal eine deutliche Verbesserung im Vgl. zur Entwicklungsphase; linearer, der Dipp weniger ausgeprägt und insgesamt etwas ruhiger im Verlauf. Dazu noch die Winkelmessungen (0-45°) der Box / zunächst über die kurze Seite:

Alle Winkelfrequenzgänge sind für sich weitgehend so linear wie der Achsenfrequenzgang. Keiner der FGs unter Winkel geht über den Achsen-FG. Man sieht allerdings, dass es diesbezüglich bei tieferer Trennung hätte kritisch werden können. Fehlt noch wegen der außermittigen Platzierung der Kalotte die Winkelmessung über die lange Seite:

Auch hier sind die einzelnen Winkel-FGs schön linear, und es gibt keine nennenswerte Aufweitung unter Winkel. Auch unter Winkel durch leicht andere Beschaltung also eine Verbesserung zur ersten Entwicklungsphase. Abschließend noch das Burst-Decay-Diagramm.

Gemessen also Alles dobrze! Und klanglich ist das auch top! Schöner knackiger Bass, absolut ausgewogene Mitten und ein feiner Hochton, der im Vergleich zum ersten Entwurf auch an kritischen Stellen von Musikstücken nicht überzeichnet. Dass bei dem ausgeglichenen FG und Verhalten unter Winkel die Box angenehm und unaufdringlich klingt, aber trotzdem fein auflöst war zu erwarten. Was mich absolut überrascht hat war das dynamische Auftreten des Woofers im Bassbereich; spielfreudig mit hohem Spaßpotential. Da macht sich anscheinend die außergewöhnlich gute technische Ausstattung des Woofers auch klanglich positiv bemerkbar. Und das Alles aus nur etwas mehr als 6 Litern.

 

Hier zunächst nur die Kerndaten:

- 6,5 Liter Bassreflexabstimmung / 53-54Hz

- Sica 5H 1,5CP / ca. 45-50 Euro

- Sica LP 98.25/245-TW8 / ca. 20-25 Euro

- Frequenzweiche ca. 15 Euro (ca. 18 Euro bei Verwendung von Folienkondensatoren im Hochpass)

 

Der letzte Hörtest ist erfolgt. Alex, auf dessen Urteil ich bzgl. der Abstimmung von Boxen Viel gebe, war bei mir und wir haben die Box mit unterschiedlichem Musik-Material gehört. Wir waren uns einig, dass an der Abstimmung nichts mehr verändert wird. Die beiden Töner harmonieren prächtig, da nervt nichts und, dass die Kalotte gerade mal 20,- Euro kostet, ist beinahe unglaublich. Die misst sich gut, hat eine tolle Haptik und muss sich klanglich auch hinter deutlich teureren Hochtönern nicht verstecken. Der TMT misst sich in der Beschaltung nahezu genial linear; und das macht sich entsprechend klanglich positiv bemerkbar. Uns hat dieses Endergebnis so überzeugt, dass ich hier die finale Weiche zur Harris präsentieren kann.

Hier sind die Zuschnittliste für das Holz und der Bauplan für das Gehäuse dieses Preis-Leistungskrachers zu finden.

Stand Dezember 2015